Vivian war meine Erfindung. Aber sie fühlte sich nicht weniger real an, als ich selbst. Ich dachte oft an sie, auch wenn ich nicht schrieb. Ich sah sie in verrauchten Ecken rotbeleuchteter Clubräume mit fremden Männern rummachen, vereinsamt an Bushaltestellen stehen oder nachts betrunken durch die Straßen geistern. Das braunes Haar ganz zerzaust. Die Schminke verschmiert. Der Blick abwesend, aber voller Entschlossenheit, es noch weiter zu treiben. Sie stolpert viel. Schlägt sich die Knie auf. Läuft gegen Laternen. Ihr Körper ist voller blauer Flecken. Wenn sie spricht, springen ihre Augen wild im Raum umher, als verfolge sie eine Fliege, die nur sie sehen kann. Sie gestikuliert viel. Jedes Wort begleitet von einem Impuls ihres Körpers: eine hektische Drehung des Kopfes, ein Schwung mit dem Arm, ein Zucken der Schultern. Sie ist so voller Leben. Manchmal wirkt es, als stünde sie in Flammen. Ich sorgte mich oft um sie. Ich liebte sie. Jedes Mal, wenn ich mich an meinen Schreibtisch setzte, übernahm sie die Führung. Hatte ich sie wirklich erfunden oder nur entdeckt?

Eigentlich war ich nur Zeuge ihrer Geschichte. Ich konnte sie nicht aufhalten, obwohl ich wollte. Ich sah ihr zu, wie sie sich zerstörte. Doch jeder Eingriff wäre ein Verrat gewesen. Eine Lüge.

Ich fühlte mich oft schuldig. In meinen Träumen war ich der Mann, der sie quälte. Ich fand meine Hand an ihrer Kehle und drückte zu. Sie sah mich mitleidig an, als konnte sie verstehen, warum ich ihr das an tat, was es nur noch schlimmer machte. Ich verstand es nämlich selbst nicht. Ich war kein gewaltsamer Mensch. Zumindest wollte ich es nicht sein. Ich glaubte, den Verstand zu verlieren.

Meine Schritte hallten im Treppenhaus, als ich die schmalen, hölzernen Stufen des Altbaus hinabeilte. Ich wickelte mir hastig einen Schal um den Hals, die raue Wolle kratzte über mein unrasiertes Gesicht und mein Schuh war zu locker. Immer wenn ich zu wenig geschlafen hatte, war ich noch durchlässiger als sonst und spürte alles verstärkt. Mein Mund war trocken, ich war mir meines Herzschlags viel zu bewusst, irgendwer hatte gestern indisches Essen bestellt, und der Nachbarshund kläffte schon wieder.

Letzte Nacht hatte ich bis vier Uhr morgens das gleiche Lied auf Dauerschleife gehört. Ich hatte einfach nicht aufhören können. Nicht, bis ich völlig verschwitzt, übermüdet und außer Atem war. Ich ließ mich gerne von Dingen vereinnahmen. Egal ob Musik, Geschichten, Arbeit oder Substanzen. Alles hatte die gleiche Wirkung auf mich. Ich löste mich auf und vergaß mich. Draußen blieb ich kurz stehen.

Hatte ich den Herd angelassen? Den Schlüssel vergessen? War ich überhaupt wach? Ich zählte meine Finger. Zehn. Im Traum hatte man immer mehr oder weniger, aber nie zehn. Ich rannte los und steckte mir meine Kopfhörer rein, um das Lied von gestern Nacht wieder anzumachen. Es war Jigsaw von Radiohead. Ich hatte es als Jugendlicher ständig gehört. Ich war ein Rebell gewesen. Deshalb durfte ich meine ganze Kindheit und Jugend im Internat verbringen. Das war mir sehr recht, ich mochte es dort lieber. Ich war erleichtert, als ich meinen Eltern endlich zu anstrengend wurde. Meine Mutter war eine große, dürre Frau, die gerne mit meinen Ängsten spielte. Ich weis noch wie ich einmal mit ihr im Auto saß. Als wir an einem platten Fuchskadaver vorbei fuhren, drehte sie sich zu mir nach hinten und sagte, dass wir kontaminiert seien. Damals war ich drei Jahre alt. Ihr Blick war so kalt und ernst, ich bekam Todesangst. Daheim nahm sie mich mit unter die Dusche. Sie schrubbte ihren und meinen ganzen Körper ab. Ich erinnere mich an die festen Griffe. Ihren nackten Körper. Das Zerren. Das Packen. Und ihre funkelnden Augen.

Ich drehte die Musik lauter. Ich war noch immer am Rennen. Keuchend eilte ich die Rolltreppe zur S-Bahn hinauf. Sie stand schon da. Ein Ruck durchfuhr mich, und es legte mich am Treppenende flach auf den Boden. Mein Schnürsenkel war hängen geblieben. Verdammt. Ich befreite mich und sprintete mit letzter Kraft auf die offene Zugtür zu, die mit einem lauten Piepen hinter mir zuglitt. Der Geruch nach Urin und abgestandener Luft erschlug mich. Ich lockerte meinen Schal und ließ mich unter Schnappatmung auf einen freien Platz fallen. Meine lederne Aktentasche warf ich auf den Sitz neben mir. Ich blickte an mir herab. Mein weißes Hemd war nicht richtig geknöpft und auf meiner Brust war ein Kaffeefleck. Na super. Ich war Anwalt in einer Wirtschaftskanzlei. Ich mochte meine Arbeit. Ich war ziemlich gut in meinem Job, wenn ich mit Leidenschaft dabei war. Doch mit meiner Leidenschaft war das so eine Sache. Sie war sehr unbeständig. Ich hatte sie nicht im Griff, sondern sie mich.

Ich atmete tief ein und aus und ließ graue Wohnblöcke, glänzende Hochhäuser und Grünflächen an mir vorüberziehen, während ich die Augen schloss. Das elektronische, gleichmäßige Rauschen der Bahn hüllte mich ein. Von irgendwo ertönte ein metallenes Klimpern. Vivian trug immer Unmengen an Armreifen, deren Klang jede ihrer Bewegungen untermalte. Ich sah mich suchend im Abteil um. Die Waggontür schloss sich, und ich sah gerade noch eine große, dunkelhaarige Frau mit silbernen Armreifen verschwinden. Ein Schock durchfuhr mich, und ich stand instinktiv auf. Ich eilte durch das Abteil, folgte der Frau durch die Tür, doch ich sah sie nicht mehr. Verdammt. Ich hatte meine Tasche vergessen. Ich eilte zurück. Sie war verschwunden. Nein, das konnte nicht sein. Ich war nur wenige Sekunden weg. Das Abteil war leer. Nein. Irgendwas war seltsam. Draußen war es dunkel und in der Scheibe blickte mir meine Reflexion entgegen. Ich schaute auf meine Hände. Eins, Zwei, Drei, Vier, Fünf, Sechs, Sieben. — Sieben? Kurz darauf wachte ich auf. Meine Tasche war noch da. Ich hatte nur meine Station verpasst.

Ich kam zu spät zur Arbeit. Das war das dritte Mal diesen Monat. Das Hochhaus unserer Kanzlei war eines mitten im Frankfurter Westend. Wie eine Plage von Ameisen durchfluteten wir Anzugträger jeden Morgen das Bankenviertel mit unseren dicken Krawatten und quietschenden Lackschuhen. Dabei schwangen wir wichtigtuerisch die Arme und reckten das Kinn. Ich tat auch gerne so, als war ich jemand Wichtiges. Mit ganz bedeutsamen Verpflichtungen. Ich begrüßte meine Ameisenfreunde mit einem knappen Kopfnicken und presste die Lippen flach aufeinander.

Leute mochten mich gerne. Ich war ein großer Mann, mit breiten Schultern und vollem Haaransatz. Ich war nur etwas dünn. Meine Knie ragten unproportional groß zwischen meinen dürren Waden und Schenkeln hervor. Sie sahen aus wie lange Hühnerbeine, aber das sah niemand in den weiten Hosen. Ich wirkte sehr reif und verantwortungsbewusst. Ich gab mir Mühe, mich gut zu artikulieren und verwendete Worte wie „inkludieren“ und sprach von Zusammenhängen als „Koinzidenzen“. Ich gestikulierte viel mit meinen Händen und sah Leuten tief in die Augen. Ich mochte meine Augen. Sie waren schmal und grün. Umrahmt von dunklen Wimpern. Ich stellte persönliche Fragen. Persönlich, aber nie intim. Menschen öffneten sich mir gerne, und ich konnte herzhaft über die unlustigen Witze meiner Vorgesetzten lachen. Ich war ein riesiger Arschkriecher. Das war ein Spiel für mich. Und ich spielte es gut. Die Leute respektierten mich. Und das, obwohl ich ziemlich unzuverlässig war. Es kam oft vor, dass ich Deadlines nicht einhielt, Akten vertauschte und meine Rechtschreibfehler nicht korrigierte. Einmal bin ich sogar am Schreibtisch eingeschlafen.

„Guten Morgen, Herr Decker“, begrüßte mich die Sekretärin am Empfang. Sie lächelte freundlich und richtete sich ein wenig in ihrem Stuhl auf. Clarice hatte wenig Sinn für Ästhetik. Ihre Zähne waren zu weiß. Ihre Röcke zu eng. Die Haare zu blond und zu straff nach hinten gebunden. Ich stellte mir ihre Wohnung als sterilen Raum mit moderner Kunst an den beigen Wänden vor, die ebenso Teil einer Arztpraxis sein könnten. In ihrem Badezimmer standen wahrscheinlich Duftstäbchen, sie schlief auf weißer Hotelbettwäsche und verschleierte ihren Mangel an Charakter hinter dem Begriff Minimalismus. „Guten Morgen, Clarice, wie geht es Ihnen?“ Ich hielt kurz Konversation. Ein bisschen lachen hier, eine aufmerksame Frage da. Ein spielerisches Augenrollen. „Ja, da haben Sie recht. Diese Bahngesellschaft sollten wir verklagen. Immer das gleiche mit diesem Verein. Ich setz schon mal das Schreiben auf. HAHA.“ Ich hasste mich manchmal. Ich wünschte ihr einen schönen Tag und ging schnellen Schrittes auf mein Büro zu. Tobias Decker / Rechtsanwalt stand an der Glastür. Der metallene Türgriff knarrte und schnappte laut nach oben, als ich die Tür hinter mir zudrückte. Ich zuckte zusammen. Verdammt. Das war zu viel. Ich hielt kurz inne. Lauschte meinem Atem. Mein Herz hämmerte gegen meinen Brustkorb. Ich fühlte mich nicht gut.

Meine Wahrnehmung wurde mir schnell zu intensiv. Ich sah zu viel auf einmal. Assoziierte und verknüpfte. Aber alles zu schnell, ich kam nicht hinterher. Dabei hatte ich mich selbst unter dem Mikroskop. War mehr Objekt als Subjekt. Das war meine Art, alles auf Abstand zu halten. Sonst wären mir schon lange die Sicherungen durchgebrannt. Früher war ich depressiv, weil ich es nicht aushielt. Ich hatte den Strom runtergedreht, damit ich nicht unter Hochspannung leben musste. Ich war jetzt 37. Mittlerweile brauchte ich genau das. Es war mein Motor. Mein Fluch und mein Segen. Ich ließ mich langsam auf meinen Schreibtischstuhl senken. Meine Finger zitterten leicht. Sie waren ganz knochig und von grünen Adern durchzogen. Mein Nagelbett war voller weißer Flecken. Mir war schlecht. Ich griff nach einer leeren Klarsichthülle auf meinem Schreibtisch und kotzte hinein.

Ich wälzte ein paar Stunden lang Akten hin und her. Stumpfe Arbeit. Ich war nicht bei der Sache. Mein Bein zuckte nervös unter meinem Schreibtisch. Ab und an lief jemand an meiner Tür vorbei. Ich drehte jedes Mal den Kopf, als wartete ich darauf, dass jemand kam, um mich zu erlösen. Ich wollte nicht hier sein. Es war die reinste Qual. So ging das seit Wochen. Ich ging in die Küche, um mir einen Kaffee zu machen. Das war schon der dritte. Es war grade mal 11. Meine Zunge fühlte sich schon ganz pelzig an, und ich hatte einen ekligen Geschmack im Mund. Ich hatte noch nichts gegessen. Jedes Mal, wenn ich mein Büro verließ, hoffte ich darauf, jemandem zu begegnen, mit dem ich mich unterhalten konnte. Irgendwer. Völlig egal. Aber da war niemand. Die Küche war leer. Jedes Mal. Das kann doch nicht sein. Wollte niemand sonst hier Kaffee? Was war los mit den Leuten. Wie hielten die das alle aus. Ich wurde wahnsinnig. Ich ging zurück ins Büro. Mir war heiß. Mein Hemd klebte unter meinen Armen. Ganz kalt und nass. Mein Mund war pappig. Ich trank den Kaffee in einem Zug, kippte das Fenster und holte meinen Laptop hervor.

Zwischen den umliegenden Hochhäusern hing eine dicke Nebelschicht. Vivian stand am offenen Fenster ihrer Studentenwohnung. Zwischen den langen Nägeln hielt sie eine Zigarette. Sie waren voller kleiner, roter Splitter. Der Lack war abgeplatzt. Wenn sie nervös war, pulte sie immer daran herum. Sie trug einen dünnen Pyjama und ihre Arme waren eng um ihren Oberkörper geschlungen, während sie in den grauen Himmel starrte. Ein Schauer durchfuhr mich. Ich schloss das Fenster im Büro wieder. Ich konnte den Zigarettengestank in ihren Haaren riechen. Ich hasste es. Der Morgen danach. Es war immer das gleiche. Sie hatte gebrannt und jetzt war sie ein Häufchen Asche. Ich spürte ihre Einsamkeit. Die Augen halb geschlossen. Der Blick völlig ausdruckslos. Ich kannte das gut.

Ein leises Surren ertönte hinter ihr. Sie durchwühlte ihr Bett, bis ihr Handy unter einem Haufen Klamotten zum Vorschein kam. Drei verpasste Anrufe. Es war ihre Mutter. Sie hätte vor einer Stunde bei ihren Eltern sein sollen. Das passierte ihr ständig. Ihre Stimme klang am Telefon ganz leise. Sie hörte sich an wie ein Kind. Ich hasste ihre Eltern. Ihre Mutter war eine sadistische, emotional instabile Frau, und ihr Vater war zwar hochintelligent, besaß aber keinen Funken väterlicher Autorität.

Vivian war mir sehr ähnlich. Wäre ich jünger gewesen, hätte ich mich in sie verlieben können. Ich empfand eine fast väterliche Sorge. Ich wollte auf sie aufpassen. Ihr Führung und Ratschläge geben. Ich glaubte, sie zu kennen. Ich hatte sie in mir gefunden. Ich verstand sie. In ihrem Alter hatte ich mich nach so jemandem gesehnt. Aber ich wusste, ich war nicht mehr Teil ihrer Geschichte. Ich war nur noch ihr Erzähler.

Ich kann nicht aufhören auf seine Hände zu starren. Sie sind ganz violett. Dünne, faltige Haut, die sich um große, knochige Gelenke spannt. Die Finger vorne ganz rau und von Hornhaut überzogen. Die Nägel breit und brüchig. Alles so benutzt. Nicht nur seine Hände. Seine Kleidung. Sein ganzer Körper. Alles an ihm ist lang und dünn. Er sitzt breitbeinig da. Die Ellbogen auf die drahtigen Beine gestemmt. Den Blick nach unten. Schwarze, ausgewaschene Jeans. Unten ganz ausgefranst. Darunter gestrickte Socken. Gestreift. Er holt irgendein Kabel aus seine Jackentasche. Eine Olivfarbene Bomberjacke. Lässt es von einer Hand in die andere wandern. Von einer Tasche zur nächsten. Sein Gesicht ist schmal und klein. Hakige Nase. Grüne Augen. Graues Haar. Er hebt den Kopf und fixiert mich.

Er könnte seine Hand sicher komplett um meine Kehle schließen. Seine Finger könnten sich an meinem Nacken fast wieder berühren. Ich male mir aus wie er über mir aufragt und mich gegen die Wand stößt. Wie mein Kopf mit einem dumpfen Geräusch aufschlägt. Ein harter Stoß. Immer und immer wieder. Ein lautes Knacken würde ertönen. Insekten strömen mir aus dem Schädel. Surren aus mir heraus, über unsere Köpfe hinweg. Sie füllen den ganzen Raum und ich wäre befreit. 

Das Fenster meines Nachbarn

Ich höre zuerst nur die Musik,
als ich mich unserem Haus nähere.
Es hört sich an, als spiele jemand
vor der Haustür Gitarre.

Bestimmt ein Irrer, denke ich
und bleibe abrupt stehen.
Schaue mich irritiert um.
Traue mich nicht in die dunkle Einfahrt,
schaue vorsichtig um die Ecke
und weiche wieder zurück.
Will meinen Schlüssel schon griffbereit haben.
Fange an, in meinen zwei Taschen zu wühlen.
Die Musik ist ganz sanft,
aber in unmittelbarer Nähe.

Während ich hektisch auf einem Bein
meine Taschen durchforste,
fällt mein Blick nach oben.
Mit einer Zigarette zwischen den dünnen Fingern
sieht er auf mich hinab.

Bin wohl selbst die Irre.